Deutsche Sprache

INTRO – INTERVIEW MIT KARLA

Cathleen Henschke: Um dem Wesen moderner Sprache auf die Spur zu kommen, habe ich mich auf die Suche nach Expert(innen) gemacht und bin dabei im Haus für Poesie gelandet. Ich begegne Karla Montasser, zuständig für die Poetische Bildung im Haus. Karla ist selbst Lyrikerin und Autorin von Sachbüchern. Aber vor allem arbeitet sie im Haus für Poesie mit zahlreichen Dichterinnen und Dichtern. So kann sie mir sicher einige Fragen beantworten.

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Haus für Poesie (c) Tina Brüser

Heutzutage nutzen Jugendliche mehrheitlich Smartphones fürs Sprechen und Schreiben – sie kommunizieren vor allem kurz und die nonverbale Kommunikation wird durch Smileys ersetzt.

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Karla Reimert Montasser (c) Katrin Born

Wenn ich mir das Leben der sogenannten „digital natives“ ansehe, so nutzen sie ihre Smartphones in bewundernswerter Weise als ein mächtiges Werkzeug für soziale, ästhetische und kommunikative Entscheidungen. Meine fünfzehnjährige Tochter schreibt den ganzen Tag  mit ihren Freunden und ist in ständigem Kontakt mit der weiteren Familie. Sie steuert quasi die Familienkommunikation vom Sofa aus. Sie besitzt dazu ein Reservoir selbstkuratierter Playlists, das Musikjournalisten erblassen lassen würde, und teilt diese in ihrem Freundeskreis. Sie trifft auf unterschiedlichsten Kanälen ästhetische Entscheidungen darüber, ob sie bestimmtes Bildmaterial mag und wendet es auf sich selbst an. Egal, ob das nun Modeblogs sind, politische Lektüregruppen, süße Katzenmeme oder Schulchats. Klavierspielen hat sie sich durch Youtube-Tutorials selbst beigebracht. Natürlich besitzt sie eine selbstgebaute Website… etwas, woran ich seit Jahren verzweifle.

Was bedeutet das für die Vermittlung von Inhalten generell?

Smartphonenutzer(innen) bereiten sich intuitiv auf eine Welt vor, in der sehr viel unterschiedliches Material organisiert und gekürzt werden muss. Wie vorausschauend! Alle diese unterschiedlichen Bereiche in der digitalen Welt haben übrigens eines gemeinsam: souverän wirkt, wer die Regeln verstanden hat. Wer möchte synkopisch sprechen können wie im Rap? Wer möchte gute „Claims“, also Bildunterschriften für seinen Instagram-Account, finden? Wer einen Songtext schreiben und wer Worte ästhetisch schreiben/sprayen/tapen/stenceln und das mit anderen online teilen? Antwort: alle!

Siehst du da Anknüpfungspunkte für die pädagogische Arbeit mit Lyrik in- und außerhalb von Schule?

Im Haus für Poesie wollen wir den ganzen Reichtum der Poesie vermitteln, das geht weit über das hinaus, was allgemein unter „Lyrik“ verstanden wird. Daher setzen wir mit ganz unterschiedlichen Werkstätten an, die aber alle mit der poetischen Organisation von Wortmaterial arbeiten. Wir geben Singer-Songwriter und Spoken-Word-Kurse, Kurse zu Journaling, Streetart, Konkrete Poesie, Sound-Poesie und Sprachtechno, Instagram-Kachelgedicht-Kurse, Haiku-, Sonett- und Free-Verse-Kurse sowie Bühnensprachenkurse. Neuerdings auch immer öfter in allen möglichen Stadt-Sprachen.

Und die Jugendlichen kommen da freiwillig hin?

Klar. Nicht nur Jugendliche. Immer in den großen Ferien haben wir sonntags im Haus für Poesie auch offene Poesie- und Kreativitätswerkstätten. Da bringen schon Achtjährige ihre Freunde mit. Oder ihre Großeltern. Viele erleben so Dichtung oft das erste Mal seit  Jahren und tauchen befreit ein in einen Strom von Worten, die ganz die ihren sind. Begleitet von Leuten, die diese Arbeit täglich praktisch tun und die zeigen können, wie wichtig es ist, Worte für eigene Emotionen zu finden.

Ist der Praxisaspekt so wichtig?

Gegenfrage. Wer würde sein Kind bei einem Musikwissenschaftler an einem Instrument ausbilden lassen? So aber wird Literatur oft auch außerschulisch vermittelt: von Wissenschaftler(innen) oder Pädagog(innen), die mit Enthusiasmus und didaktischem Können lehren, selbst aber kein eigenes Schriftstellerleben führen. Am Haus für Poesie hingegen arbeiten wir dagegen bewusst auf Dozentenebene mit lehrbegeisterten und lehrerfahrenen Dichterinnen und Dichtern, die ihre eigene Kunst auch authentisch und „in persona“ vermitteln. Und ja, das ist ein Unterschied, denn ein Großteil des Lernens geschieht in den Künsten nun mal nonverbal, durch Initiation und Nachahmung eines bestimmten Habitus.

Und in der Schule?

Für die Vermittlung von Lyrik oder Literatur allgemein in der Schule würde ich mir natürlich deutlich mehr produktionsästhetische Anteile wünschen. Die Literatur ist da im Vergleich zu Kunst und Musik etwas stiefmütterlich aufgestellt. Das hat natürlich mit der Entwicklung der Künste im 18. und 19. Jahrhundert zu tun, genauso wie mit einem falsch verstandenen „Geniekult“, an dem die Autoren ehrlicherweise auch nicht ganz unschuldig sind. Mittlerweile sind die deutschlandtypischen Vorurteile gegenüber Kreativem Schreiben aber gottseidank rückgängig. Und in den Schulen wird auch mehr und vielfältiger geschrieben.

Was bedeutet das für uns Lehrer(innen)?

Für die Schülerinnen und Schüler am schönsten wäre es wohl, wenn der Unterricht sie als Botschafter(innen) aus der Zukunft ernstnehmen – und deswegen die Digitalisierung stärker berücksichtigen würde. Wenn wir als Lehrende die digitalen Zeichen der Zeit erkennen, können wir genau damit ordentlich punkten. Diese Möglichkeiten zur Fortbildung sind dem Haus für Poesie sehr wichtig. Zweimal im Jahr bieten wir Lehrer(innen) daher am Haus für Poesie mit der Didaktikerin Claudia Maaß und dem Filmemacher und Lehrer Christoph Ulleweit Workshops an, in denen immer die Umsetzung von Gedichten in andere Medien und ihre digitale Veröffentlichung im Zentrum stehen.

Und die sind gut besucht, ich besuche sie auch regelmäßig.

Oh ja! Bitte früh anmelden, die Fortbildungen sind immer sofort ausgebucht… Auch auf der Seite der Lehrer(innen) spüren wir lustvolles Verlangen danach, sich mit Gedichten neu zu beschäftigen. Gedichtinterpretation ist nämlich nicht der geeignetste Weg, um Menschen von Lyrik zu begeistern. Aber meist der einzige, der einem in der Mittel- und Oberstufe gezeigt wird. Für alles andere müssen Lehrerinnen und Lehrer bislang selbst sorgen – und das tun sie auch, mit oft bewundernswertem Einsatz!

 26.7.2018, Berlin (Prenzlauer Berg)

Karla Reimert Montasser hat Germanistik, Anglistik und vergleichende Literaturwissenschaften studiert, ist hza zertifizierte Trainerin und Ausbilderin in der Erwachsenenbildung, Kommunikationstrainerin sowie Expertin für den interkulturellen und interreligiösen Dialog.

 

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