Deutsche Literatur des 20./21. Jahrhunderts

INTRO – INTERVIEW MIT KARLA

Cathleen Henschke: Um dem Wesen moderner Literatur auf die Spur zu kommen, habe ich mich auf die Suche nach Expert(innen) gemacht und bin dabei im Haus für Poesie gelandet. Ich begegne Karla Montasser, zuständig für die Poetische Bildung im Haus. Karla ist selbst Lyrikerin und Autorin von Sachbüchern. Aber vor allem arbeitet sie im Haus für Poesie mit zahlreichen Dichterinnen und Dichtern. So kann sie mir sicher einige Fragen beantworten.

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Haus für Poesie (c) Tina Brüser
Karla HfP 2 Katrin Born
Karla Reimert Montasser (c) Katrin Born

CH: Hallo Karla, du begegnest regelmäßig moderner Literatur im Haus für Poesie Berlin. Gibt es deiner Ansicht nach griffige Merkmale, welche die Literatur des 21. Jahrhunderts ausmachen?

Ich stehe immer wieder mit staunenden Augen vor all den Veränderungen, die  sich im Bereich der Literatur in den letzten 30 Jahren ereignet haben. Heute existiert eine ungeheure Vielfältigkeit der Genres, Stile und Textsorten, die in ihrer Gesamtheit die Umwälzungen in der heutigen Gesellschaft widerspiegeln. Konkret: Die Literatur in Deutschland ist diverser, weniger männlich, weniger weiß und weniger kanonisiert. Die literarische Landschaft ist demokratischer geworden und die Leserinnen und Leser können aus einem größeren Angebot wählen, welche Themen und welche Sprachen sie berühren. Auch der Literatur selbst hat das gut getan. Sie ist von ihrem Sockel gestiegen, hat sich den Staub von den Knien geklopft und hüpft munter Himmel und Hölle.

Wie war das früher?

Die Kanonisierung der Literatur beeinflusste in meinem Leben sehr stark das, was ich während der Schulzeit und der Universität an Lektürevorgaben bekam. Es kostete mich große Mühe, die für mich und mein Leben spannenden Bücher zu finden. Gute Literatur war zudem natürlich zu 95 % Literatur von Männern, Literatur von Frauen war meistens sogenannte „Zielgruppenliteratur“. Heute veröffentlichen großartige Autorinnen wie Lucy Fricke und Monika Rinck ihre Bücher und erfahren auch von Männern verdiente Anerkennung dafür! Auch glücklich bin ich darüber, dass wir Autoren wie Saša Stanišić und Nino Haratischwili selbstverständlich als Teil der deutschen Literatur begreifen dürfen. Welch ein neuer Reichtum!

Denkst du, dass Lyrik einen besonderen Stellenwert in der Gegenwartsliteratur hat?

Klar. Die Lyrik ist die agilste, schlaueste, demokratischste und subversivste Gattung der Literatur.

Monika Rinck und Gäste mit Sturzhelmen
Monika Rinck und Gäste (c) Haus für Poesie

Ihre Vertreter(innen) sind interessant, verwegen, selbstironisch und aufopferungsvoll. Sie haben es in den letzten 30 Jahren beinahe im Alleingang geschafft, eigene Strukturen, Verlage, Lesebühnen, Salons und irisierende Treffpunkte zu schaffen und die Lyrik in Deutschland auf ein international hoch anerkanntes Niveau zu bringen.

Und was ist daran spannend?

Da sich Lyrik nicht marktgerecht verkaufen lässt, ist sie weitgehend frei von all den Eingriffen, die zum Beispiel ein Roman oder eine Netflix-Serie erfahren, bevor sie produziert werden. Besucher(innen) im Haus für Poesie sage ich gern: Wo bitte findet ihr das sonst? Eine Kunstform im Spätkapitalismus, in der wirklich ein einzelner Mensch frei sagen darf, was er oder sie will, ohne dabei auf einen Markt zu schielen! Die euch nicht ausschließt, nur weil ihr nicht genug Geld für ein teures Atelier habt oder für ein Schauspielstudium. Es ist doch ein ungeheures Privileg, dass wir so etwas überhaupt lesen dürfen, und alles andere als selbstverständlich. Für Partnersuche und Freizeitvergnügen füge ich an dieser Stelle als Fußnote hinzu: Lyrikparties sind legendär.

Veranstaltung Poetry Rain
Poetry rain (c) Haus für Poesie

Gedichte werden ja eher stiefmütterlich auf dem Verlagsmarkt behandelt, da sie sich schlechter als Romane verkaufen …

Dabei ist die Lyrik die Brücke der Literatur in die Gesellschaft hinein. Von wegen Elfenbeinturm: Lyrik ist bodennah, absolut nicht abgehoben, denn fast jeder Dichter und jede Dichterin hat noch einen bürgerlichen Beruf. Viele Preisträgerinnen und Preisträger der anerkanntesten Prosaliteraturpreise der letzten Jahre kommen übrigens aus der Lyrik, zum Beispiel Kathrin Schmidt, Ursula Krechel und Lutz Seiler.

Welchen Beitrag leistet Lyrik in der Gegenwart? Oder muss sie überhaupt was „leisten“?

Überraschung: Wirklich alle Menschen lieben Poesie, nur fällt es ihnen manchmal nicht auf. Alle modernen Menschen hören Verse  – in Form von „lyrics“ in ihren Lieblingssongs. Sie umgeben sich absolut freiwillig mit gebundener Sprache und fühlen, wie wunderbar konzentrierter, dichter Text ist. Schon Neugeborene lieben den Klang von Reimen,  kleine Kinder entdecken hoffnungsfroh grammatikalischen Unsinn in Nonsens-Gedichten, Liebende und Trauernde finden  im Gedicht Trost, alte oder kranke Menschen spüren sich selbst und ihre Erinnerungen neu in Versen, die sie seit ihrer Jugend in sich tragen.

Und was bedeutet Lyrik dir?

Ich selbst könnte keinen Tag ohne Lyrik sein. Ich bin süchtig nach ihrer Präzision, ihrem Witz, ihrer Tiefe, ihrer Freiheit und ihrer Konzentriertheit. Lyrik ist der See, in den ich nach der Arbeit zur Erfrischung springe. Und der Berg, auf den ich am Wochenende steige, um den Kopf klarzukriegen. Besonders gern mag ich gerade „Nature-Writing“, ein Lyrikgenre, das zur Zeit sehr en vogue ist, das fühlt sich an wie  buchgewordener Wald…

Welche Argumente kannst du dem modernen Menschen dafür liefern, wieder Gedichte zu lesen und Gedichtbände zu kaufen?

Ein Kult gewordenes Lyrikprogramm des kookbook-Verlags von Daniela Seel, in dem ich auch veröffentlicht bin, trägt als Titel eine stolze Zeile des Dichters Tristan Marquardt: „Das amortisiert sich nicht“. Man sollte sich also nichts vormachen. Lyrik als Lebensform oder auch nur die eigene Poetisierung taugt eher nicht dafür, ein passendes Rädchen im Getriebe zu werden. Ein Ausbildungsberuf Lyriker m/w  im Jobcenter? Undenkbar. Dafür ist die Kunst der Sprache übrigens auch viel zu gefährlich… Ich sagte ja schon, Lyriker(innen) müssen verwegen sein!

Die Frage war eigentlich, wie man Menschen dazu bringen kann, mehr Gedichte zu kaufen…

Ah, richtig! Zur Verkäuflichkeit merke ich an dieser Stelle mal ganz egoistisch an: Gedichte auch noch zu einem Markt machen? Bitte nicht!  Andererseits: Es ist natürlich toll, einen Gedichtband zu kaufen, mit sich zu tragen und ihn hundert Mal zu lesen, bis er so richtig zerfleddert und ans Herz gewachsen ist. Es gibt da übrigens eine wunderbare Szene in dem Film „Paterson“ von Jim Jarmusch, in der der Protagonist sich mit einer Zwölfjährigen über ihre Gedichte unterhält. Wenn ich sehe, dass jemand einen Lyrikband liest, teile ich sofort Welt mit ihm oder ihr, ein Gespräch ergibt sich dann fast schon von allein. Einfach mal ausprobieren!

Also Gedichtbände als Geheimzeichen…

Genau. Aber natürlich gibt es auch andere Gründe. Gedichtbände sind zum Beispiel im Regal auch extrem effektiv. Wenn ich die Wahl habe, ein Brett mit den sieben Harry-Potter-Bänden zu füllen oder fünfzig Lyrikbänden, dann entscheide ich mich schon aus Platzgründen für die Lyrik. Und noch einen Grund gibt es, viel zu viel Geld für Lyrikbände auszugeben. Fast alle Lyrikbände sind ausgesprochen hochwertig gestaltet. So wird aus der Not eine Tugend gemacht. Man erhält also garantiert, um es mit dem Lyrikverleger Ulf Stolterfoht zu sagen, „schwierige Lyrik zu einem sehr hohen Preis“. Wer sich davon überzeugen möchte, dass sich das lohnt, kann gern mal auf dem Poesiefestival Berlin beim Lyrikmarkt vorbeischauen.

Lyrikmarkt poesiefestival berlin 2018 (c) gezett
Lyrikmarkt im Rahmen des 19. poesiefestival berlin (c) gezett

Gegenwartsliteratur: Thema >Flucht und Migration<

Aktuell wird sehr viel über >Flucht und Migration< diskutiert, allerdings eher auf der politischen Bühne…

Ich mache es mal kurz. Die Lyrik ist, betrachtet man den finanziellen Aufwand, den man zu ihrer Produktion benötigt, die bescheidenste aller Künste. Gib mir einen Zettel und einen Bleistift, im Prinzip komme ich auch mit meinem Kopf aus.

Das heißt, der Kampf um große Ateliers, teure Farben und Leinwände, Ensembles, Gelder für Spielstätten, all diese Ressourcenkonflikte finden so in der Lyrik nicht statt. Die relative Armut hat zum Beispiel dazu geführt, dass die Lyrik in den neunziger Jahren es als erste Gattung vermochte, ost- und westdeutsche Künstler(innen) zusammen zu bringen. Noch dazu sind fast alle Dichter(innen) politisch wach. Dadurch, dass es so wenig Vertreter(innen) in jedem Land gibt, ist das Bewusstsein von Lyriker(innen) sowieso global geschärft. Es ist als Vertreter(in) einer so marginalisierten Kunstgattung kaum anders möglich. Quasi jede Dichterin und jeder Dichter ist übrigens auch professionelle/r ÜbersetzerIn, da es nicht genug Geld gibt, um Lyrikübersetzer(innen) zu bezahlen. Auch etwas, worum sich das Haus für Poesie seit Jahren bemüht… Warum ich das erzähle? Mit Lyrik kann ich jeden Tag neu anfangen. Allein. In einem fremden Land. Und als Dichterin oder Dichter werde ich dort auch Freundinnen und Freunde finden, die menschlich etwas taugen. Versprochen.

Was passiert denn konkret auf der poetischen Bühne zu diesem Thema?

Selbstverständlich wird auch von Institutionen wie dem Haus für Poesie solidarisch und weltweit an poetischer Gemeinschaft gearbeitet. In Berlin heißt das konkret: Es gibt Initiativen wie die „Neue Nachbarschaft“ oder „Wir machen das“. Das Haus für Poesie wiederum ermöglicht mit den „VERSschmuggel“-Übersetzungswerkstätten intensive Übersetzungsarbeit und auch poetische Bildung. Wichtig ist uns als Literaturhaus, so schnell wie möglich sogenannte „Dritte Räume“ zu öffnen, in denen sich Dichter und Dichterinnen untereinander mit ihrer Sprache unabhängig von ihren Lebensumständen begegnen können und sich gerade nicht auf traumatische Erlebnisse reduzieren lassen müssen.

Also das Phänomen, das wir gerade so oft auf deutschen Bühnen sehen…

Ja, wir wollen mit unserer Arbeit so ziemlich das Gegenteil von dem, wie geflüchtete Menschen in vielen Kunst- und Theaterprojekten dar- oder besser ausgestellt werden.  Was es mit einem macht, wenn nur das erlebte Trauma interessant zu sein scheint, wird dabei aus unserer Sicht viel zu wenig hinterfragt. Ich musste übrigens auch schon schweren Herzens Projekte ablehnen, weil sie auf diese Art „Othering“, also das Hervorheben von Fremdheit statt von Gemeinsamem, betrieben haben. Dabei ist es doch ganz einfach: Menschen möchten sich gern da integrieren, wo es für sie spannend ist. Meine Aufgabe ist es also, Räume so zu bauen, dass sie für hier sozialisierte und anderswo sozialisierte Menschen gleichermaßen interessant sind.  Außerdem ist es aus meiner Sicht wichtig, nach positiven Vorbildern in den Communities selbst zu suchen.

Du beschäftigst dich seit langem mit interreligiöser und interkultureller Bildung. Machst du dazu auch Vermittlungsprojekte?

Am Haus für Poesie leite ich gemeinsam mit der japanisch-stämmigen Künstlerin Natsuyo Koizumi ein translinguales, transkulturelles und transreligiöses Märchenprojekt, aufbauend auf den Lehren der indisch-stämmigen Sufiprinzessin, spirituellen Lehrerin, Kinderpsychologin und Résistance-Kämpferin Noor Inayat Khan. Entstanden ist diese Arbeit durch ein Projekt von Noémie Kaufmann und der Stiftung Genshagen für geflüchtete Jugendliche in Brandenburg.

Eine ungewöhnliche Mischung…

Nur auf den ersten Blick! Noémie, Natsuyo und ich sind bei den Planungen von den Erfahrungen unserer eigenen Länder und Familien ausgegangen. Die Trauma-Forschung hat festgestellt, dass nach dem 2. Weltkrieg in deutschen Familien, aber auch in japanischen und natürlich in deutschen und nichtdeutschen jüdischen Familien eine große Sprachlosigkeit herrschte. Familienerzählungen brachen ab, die traumatischen Erlebnisse konnten nicht verarbeitet und damit Familienstrukturen nicht weitertradiert werden. Aus Scham, aus Angst, aus Wut und Verzweiflung. Dabei ist es so wichtig, für alle diese schrecklichen Dinge, die geschehen sind, eine Sprache zu finden.

Wie geht ihr konkret vor?

In unserer transkulturellen märchenpädagogischen Arbeit erleben die Jugendlichen, wie sie auch härteste Erlebnisse verhandeln und zu einem guten Abschluss bringen können. Sie üben damit die Struktur der mythischen „Heldenreise“, die Überwindung auch von Schweigen und Verzweiflung – wenn sie denn wollen. Dabei dürfen sie in jeder Sprache jede Geschichte schreiben, die ihnen gemeinsam im Schutz der Gruppe in den Sinn kommt, wir halten nichts von Zwangsintegration. Die meisten sind spätestens in der zweiten Runde schon bereit für ein Abenteuer in der deutschen Sprache. Weil sie sehen, dass wir auch von ihren Sprachen und Kulturen begeistert sind – oder selbst nicht perfekt Deutsch können. Wenn sie nicht schreiben wollen, dann dürfen sie sich in den Illustrationen ausdrücken, die Natsuyo Koizumi mit ihnen erarbeitet. Es ist für mich als bildkünstlerisch nur mäßig begabte Frau des Wortes immer faszinierend zu sehen, wie befreiend und geradezu therapeutisch die Arbeit mit bestimmten Farben auf die Kinder und Jugendlichen wirkt. Die Märchen, die entstehen, sind übrigens wirklich transkulturell. Zwerge, Sphingen, Hud-Huds, Zombies, Einhörner… wenn die Jugendlichen loslegen, ist oft kein Halten mehr!

Märchenbuch mit Flüchtlingsklasse

Märchenbuch mit Flüchtlingsklasse (c) Haus für Poesie

Und wie integriert ihr den transreligiösen Aspekt?

Die Jugendlichen lernen mit Noor Inayat Khan eine junge Frau aus muslimischer Familie kennen, die aus Mitgefühl mit den europäischen Juden in die Résistance ging, für England gegen Hitlerdeutschland kämpfte und dafür in Dachau ermordet wurde. In Deutschland ist ja kaum bekannt, dass es auch Muslime gegeben hat, die gegen die Nazis gekämpft haben. Noor Inayat Khan ist in Frankreich und in England eine Ikone, ihr wurde eine eigene Briefmarke gewidmet und in London steht neben Rabindrath Tagores Denkmal ihre Büste – die einzige Statue Englands für eine asiatisch-stämmige Frau. Wir merken immer wieder: gerade für junge muslimische Mädchen ist Noor Inayat Khan ein echtes Identifikationsangebot.

Hat sich deiner Ansicht nach die Exillyrik vom 20. zum 21. Jahrhundert gewandelt? Oder sind es immer noch die gleichen Inhalte und Formen, die wir als Leserinnen und Leser antreffen?

Das weltweite Bewusstsein dafür, dass es schon immer und an beinahe jedem Ort der Welt Austausch und Migration gegeben, ist gewachsen, natürlich auch bei Menschen, die heute im Exil leben. Mir fällt dazu wieder exemplarisch die Geschichte meines Kollegen Saša Stanišić ein.  In seinem Roman „Wie der Soldat das Grammophon repariert“ hat Saša sich intensiv aus der Perspektive von Kindern mit dem Jugoslawienkrieg auseinandergesetzt. Zu dieser Zeit lebte er seit etwa einem Jahrzehnt als geduldeter Flüchtling in Deutschland. Das Buch wurde bekanntermaßen ein großer Erfolg. Kurz bevor oder nachdem er auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand, bekam Saša dann auch endlich einen Aufenthaltstitel. Statt nun weiter Themen wie Krieg, Exil und Flucht zu thematisieren und sich darauf reduzieren zu lassen, ging er nach Brandenburg und beschäftigte sich für seinen nächsten Roman intensiv mit deutschem Landleben.  Wie wir wissen, wurde auch dieser Roman ein großer Erfolg. Und Saša so eine Art Ehrenbrandenburger…

Ist das wirklich ein gangbarer Weg für geflüchtete Schriftsteller?

Ja, klar. Neben anderen, oder auch den umgekehrten Wegen der Verweigerung, der bewussten „Desintegration“ und „Neuerfindung“ von Kultur. Das Phänomen des „Einschreibens“ in eine neue Kultur ist aber auch nicht neu. Gerade die deutsche Sprache hat sich immer „von ihren Rändern“ her entwickelt, sie war schon immer „Einwanderungsland“. Kafka oder Celan sind in unserem Lesekosmos „Deutsche“, genauso wie Saša Stanišić heute „Deutscher“ ist. Sašas Geschichte ist ein trotz allem Leid herausgehobenes Einzelschicksal, aber keineswegs das einzige, das ich kenne. Zukünftig werden sehr viele neue SchriftstellerInnen eine Heimat in Deutschland suchen! Die deutsche Sprache, ihr Formenreichtum und ihre Inhalte, werden sich mit ihnen verändern, erweitern und noch reicher werden. Aus Sicht der Lyrikerin wie des Hauses für Poesie begrüße ich sie alle. Einen wunderbaren Einblick in diesen Reichtum erhält man übrigens, wenn man sich unter www.lyrikline.org auf das europaweit größte Online-Archiv für gesprochene Lyrik begibt. Dort gibt es unter „Themen“ einen eigenen Reiter zu Gesellschaft, und darunter befinden sich dann weitere Themenfelder, zum Beispiel „Exil“.

Kannst du der neugierigen Leserin bzw. dem neugierigen Leser einige Gedichte zu dem Thema auf der Plattform lyrikline.org empfehlen?

Natürlich fällt mir da gleich Brechts Gedicht „An die Nachgeborenen“ ein. Eine Selbstanklage eines „Gutmenschen“, die ich bis heute nicht lesen kann, ohne dass sie in der Tiefe Schorf aufkratzt oder, wie Kafka sagte, eine Axt ist für das gefrorene Meer in mir.

https://www.lyrikline.org/de/gedichte/die-nachgeborenen-740

Noch nicht auf der Lyrikline, aber sehr zu empfehlen ist auch das Gedicht „Smoke“ des britischen Lyrikers Nick Makoha, zu dem das Haus für Poesie gerade mit dem British Council im Rahmen des British/German–Freundschaftsjahres einen Gedichtwettbewerb an deutschen Schulen organisieren durfte. In Nicks Gedicht wird mit ganz zarten Naturbeschreibungen seine Flucht als Kleinkind aus Uganda beschrieben. Dass die deutschen Schülerinnen in ihren Antwortgedichten so tief in dieses Thema hineingegangen sind, hat mich übrigens tief berührt.  Um den dichterischen Nachwuchs in Deutschland mache ich mir also überhaupt keine Sorgen!

Ein tolles Gedicht aus Sicht der sogenannten „Mehrheitsgesellschaft“ ist  zum Beispiel „ASILE POETIQUE“  von der belgischen Dichterin Laurence Vielle.

https://www.lyrikline.org/de/gedichte/asile-poetique-13516

Darin heißt es:

POETISCHES ASYL

Du, der du über die wege der migration/ in unserem land meinst bestimmen zu dürfen,/ wer rein darf und wer draußen bleibt/ dir will ich sagen/ ganz Belgien wird von einer poesiebewegung erfasst,/sanft und widerspenstig,/ wie eine seismische woge;/ wir werden immer mehr,/ denn unser innerstes wesen erwacht,/ dank der poesie./ Bald werden wir 10 millionen sein/ wir dichter dieses landes;/ die wörter verlangen-willkommen-drang-/anwesenheit-offenheit-widerstand hallen/ in unseren sprachen wieder,/ wollen sich im grundgesetz verankern;/ wir ersetzen das wort grenze/ durch willkommenslinie …

Auch hier sieht man wieder gut, was „Poetische Bildung“ bedeutet. In der Lage zu sein, die richtigen Worte für Phänomene zu finden, und sie dann auch gut organisieren zu können. Wenn man sich heute Parteitagsreden oder Demonstrationskundgebungen bestimmter gesellschaftlicher Gruppen anhört, wenn man fassungslos die Verrohung der Sprache on- und offline konstatiert, dann möchte man doch sehr gern mal Leute von Links und Rechts an einen Tisch bringen und ihnen mit Jandls „lichtung“ zurufen: lechts und rinks./ kann man nicht/ velwechsern. /werch ein illtum!

Spaß beiseite. Die Grenzen unserer Sprache sind oft genug auch die Grenzen unserer Welt. Konstruktiver, offener, weiter und spielerischer Umgang mit Worten will täglich geübt sein. Und genau hier kommen poetische und demokratische Bildung zusammen.

Karla, ich möchte sagen, du bist so etwas wie eine >poetische Botschafterin<. Gibt es eine Botschaft, die du den Leser(innen) meines Lernzimmerberlin-Blogs >Raum für deutsche Sprache und Literatur< mit auf den Weg geben möchtest?

Baut euch selbst poetische Botschaften im Leben. Verbeißt euch in Gedichte wie in Sommeräpfel und lasst sie euch von niemandem madig machen. Gedichte sind rote Jaguare. Sucht nicht nur das Gewisse in ihnen, auch das Gefährliche. Sucht  nach Worten, die euch meinen wie ein Brief. Gebt euch in Alleen nicht mit weniger zufrieden. Macht aus euch dichten Text, das hilft bei der Liebe und beim ganzen Rest. Übt Widerstand gegen und Verschmelzung mit Grammatik. Sanft und widerspenstig. Dann geht raus, offen, anwesend, und teilt Sprache mit Welt. Wirklichkeit besteht aus Sprache wie Körper aus Wasser. Taucht in Wortseen. Geht in Wortwälder. Lasst euch von Antwort übersprudeln. Nicht einen Tag wird euch mehr langweilig sein. Ihr wollt Poesie? Versprochen: Dieser Sommer wird sehr groß.

Ich danke dir für dieses spannende und aufschlussreiche Gespräch.

Halt, eins noch…

Ja?

Egal, ob ihr Lyrik lest oder Lyrics hört, Poesie schreibt, Lyrikbände kauft oder nicht kauft, Dichtung lehrt oder einfach poetisch lebt: Das Haus für Poesie heißt euch alle willkommen.

 26.7.2018, Berlin (Prenzlauer Berg)

Karla Reimert Montasser hat Germanistik, Anglistik und vergleichende Literaturwissenschaften studiert, ist hza zertifizierte Trainerin und Ausbilderin in der Erwachsenenbildung, Kommunikationstrainerin sowie Expertin für den interkulturellen und interreligiösen Dialog.

info-1698141_1920LINKS & AUTOREN

Literatur der Moderne:

https://blog.zeit.de/schueler/2012/02/20/thema-literatur-der-moderne-1890-1920/

Expressionismus

https://blog.zeit.de/schueler/2012/02/22/thema-literatur-des-expressionismus-1910-1925/

Dadaismus und Surrealismus

https://blog.zeit.de/schueler/2012/02/20/thema-literatur-der-avantgardedadaismus-1915-1925/

Literatur der Weimarer Republik

https://blog.zeit.de/schueler/2012/02/21/weimarer-republikneue-sachlichkeit-1919-1932/

Exilliteratur

https://blog.zeit.de/schueler/2012/02/22/thema-exilliteratur-1933-1945/

Nachkriegsliteratur

Einen ersten Überblick zur Lyrik nach 1945 liefert folgende Seite des Bayrischen Rundfunks:

https://www.br.de/telekolleg/faecher/deutsch/literatur/09-literatur-zusammen-100.html

https://blog.zeit.de/schueler/2012/02/24/thema-nachkriegsliteratur-1945-1950/

Zeitgenössische Literatur

https://blog.zeit.de/schueler/2012/02/23/thema-zeitgenossische-literatur-ab-1950/

Autoren:

LITERATUR DER JAHRHUNDERTWENDE

Fin de siècle (1890 – 1920):                    

Stefan George, Hugo von Hoffmannsthal, Rainer Maria Rilke, Thomas Mann, Arthur Schnitzler, Hermann Hesse

Expressionismus (1910 – 1925):

Gottfried Benn, Georg Trakl, Georg Heym, Else Lasker-Schüler, August Stramm, Georg Kaiser, Ernst Stadler, Franz Kafka, Jakob von Hoddis, Franz Werfel

GEGENWARTSLITERATUR

Weimarer Republik (1919 – 1933):  

Heinrich Mann, Thomas Mann, Bertolt Brecht, Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Ernst Jünger, Egon Erwin Kisch, Carl Zuckmayer, Martin Heidegger, Hugo von Hoffmannsthal, Hermann Hesse, Stefan Zweig, Walter Benjamin, Erich Maria Remarque, Alfred Döblin, Erwin Piscator, Gottfried Benn, Ödon von Horvath, Sigmund Freud, Lion Feuchtwanger, Robert Musli, Hans Fallada, Erik Reger, Hermann Broch

Drittes Reich und Exilliteratur (1933 – 1945):

Bertolt Brecht, Anna Seghers, Hans Grimm, Hans Baunam, Karl A. Schenzinger, Gottfried Benn, Hans Johst, Thomas Mann, Ernst Wiechert, Werner Bergengruen, Heinrich Mann, Eberhard Wolfgang Möller, Klaus Mann, Stefan Andres, Jochen Klepper, Hans Dominik, Reinhold Schneider, Ernst Toller, Ernst Jünger, Lion Feuchtwanger, Nelly Sachs, O.M. Graf, Joseph Roth

LITERATUR NACH 45

Nachkriegszeit (1945 – ca. 1960):

WEST:

W. Ceram, Peter Weiss, Hermann Hesse, Rudolf Hagelstange, Theodor Plievier, Carl Zuckmayer, Elisabeth Langgässer, Ernst Kreuder, Martin Heidegger, Hermann Kasack, Thomas Mann, Wolfgang Borchert, Günter Eich, Gottfried Benn, Lion Feuchtwanger, Ernst von Salomon, Robert Jungh, Wolfgang Koeppen, Bertolt Brecht, Wolfgang Leonhard, Bruno Apitz, Theodor W. Adorno, Günter Grass, Arno Schmidt, Martin Walser, Rolf Hockhuth, Erwin Strittmatter, Heinar Kipphardt, Erik Neutsch, Hermann Kant, Peter Handke, Siegfried Lenz, Dieter Wellershoff, Rolf Dieter Brinkmann, Patrick Süskind, Hans Magnus Enzensberger, Eugen Gomringer, Max Frisch, Dürrenmatt, Uwe Johnson, Ernst Jandl

Gruppe 47: Hans Werner Richter, Alfred Andersch, Wolfdietrich Schnurre, Heinrich Böll

OST: Literatur in der DDR (1961 – 1989):

Johannes R. Becher, Johannes Bobrowski, Friedrich Wolf, Wolf Biermann, Erik Neutsch, Karl Mickel, Sarah Kirsch, Rainer Kunze, Erwin und Eva Strittmacher, Bertolt Brecht, Günter Kunert, Uwe Kolbe, Lutz Rathenow, Bert Papenfuß-Gorek, Volker Braun, Erich Loest, Heiner Müller, Stefan Heym, Peter Hacks, Christa Wolf, Uwe Johnson, Ulrich Plenzdorf

Literatur nach 1989: 

Günter Grass, Martin Walser, Daniel Kehlmann, Bernhard Schlink …

 

 

2 Gedanken zu „Deutsche Literatur des 20./21. Jahrhunderts“

  1. Ich bin begeistert von diesem Text (und/aber parteiisch). Solch eine Interpretation der oder zumindest Hinführung zur Lyrik hätte ich mir in meinem gymnasialen Deutschunterricht gewünscht. Villeicht wäre manches anders gelaufen in meinem Leben. Es wäre schön, wenn viele Deutschlehrer diesen Text oder Teile davon ihren Schülern vermitteln würden, oder wenn sie sich zumindest für ihr jeweiliges Curriculum davon inspirieren ließen.

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