Das Handy-Experiment – unerwartete Ergebnisse

Die deutsche Sprache ist vielseitig. Zunehmend dominieren digitale Medien die Kommunikation – leider auch im Unterricht. So beobachte ich es täglich als Lehrerin. Schülerinnen und Schüler sind ständig am Handy, natürlich NUR um zu wissen, wie spät es ist. Einige verweilen dabei ziemlich lange, wahrscheinlich um die Zeit bis zum Stundenende zu berechnen. Spaß beiseite. Ich hatte die Nase voll von der geteilten Aufmerksamkeit. Kein Handstand und keine Methode hatte dazu geführt, dass mein Unterricht für einige OSZ-Schüler(innen) der 11. Klassen interessanter gewesen wären als das Smartphone.

Wichtig ist zu erwähnen, dass meine Beobachtungen eine bestimmte Schülerklientel betreffen und dass es zahlreiche Schulen und Klassen gibt, vor allem Gymnasialklassen, in denen solche Phänomene nur vereinzelt oder gar nicht auftreten.

Während ich da vorne alleine stehe, haben die Jugendlichen im Alter von 16-21 Jahren durch das Smartphone die Möglichkeit, gleich mit vielen Menschen zu kommunizieren und sie müssen sich dazu noch nicht einmal melden. Sicher gibt es Schulen, an denen das kein Problem ist. An unserer Schule ist es eins, auch für meine Kolleg(innen).

Deshalb wollte ich es wissen: Was passiert, wenn die Schüler(innen) für mehrere Wochen das Handy vor der Stunde vorne zentral ablegen? Ist die Mitarbeit oder Aufmerksamkeit im Unterricht dann höher? Damit ich das in Erfahrung bringen konnte, setzte ich in zwei 11. Klassen das Experiment für vier Wochen an, anfangs mit Widerwillen der Schüler(innen). Beispielsweise gab es zu Beginn folgende Kommentare:

Ein Schüler: „Sie glauben doch nicht im Ernst, dass wir nicht ohne Handy auskommen?“

Eine Schülerin vor dem Abgeben des Handys: „Ich gebe zu, ich fühle mich unsicher ohne Handy. Ich bin süchtig.“

Während des Experimentes konnte ich beobachten, dass einige Schüler mit ihrem Banknachbarn verstärkt redeten und sich somit anderweitig ablenkten. Andere wiederum nahmen viel konzentrierter am Unterrichtsgeschehen teil. Um die Abgabe der Handys zu Stundenbeginn zu bitten, war jedesmal ein Kampf. Ich hatte das Gefühl, einige Schüler(innen) empfanden es so, als würde ich sie darum bitten, ein Körperteil zu erübrigen.

In der Abschlussauswertung nannten einige Schüler(innen), dass ihnen ohne das Handy das Zeitgefühl verloren ginge und sie ins Leere griffen, als das Handy nicht da war. Es kam auch die Aussage, es fehle was. Meine Beobachtungen wurden zum Teil bestätigt. Einige Schüler(innen) meinten, sie seien ohne Handy aufmerksamer und konnten somit ihre Mitarbeitsnote verbessern. Andere wiederum meinten, es finde sich eine Ablenkung, auch ohne Handy.

Rückblickend würde ich sagen, dass es eine Einstellungsfrage ist. Schüler(innen), die bewusst und motiviert zum Lernen in die Schule kommen, lassen ihr Handy von selbst in der Tasche oder zuhause und nehmen konzentriert am Unterricht teil. Im Gegensatz dazu wird es schwierig, unmotivierten Schüler(innen) die Handyspielerei auszutreiben. Das Abgeben des Handys zu Beginn der Stunde kann dabei helfen, Schüler(innen) umzuerziehen und ihnen die Wirkkraft konzentrierten Arbeitens auf ihre Note aufzuzeigen und damit bestenfalls nachhaltig ein Umdenken zu fördern.

Schließlich ist aber vor allem eines wichtig: dass Schüler(innen) wissen, warum die zur Schule gehen und welche Zukunftsperspektiven sich mit einer guten Ausbildung erschließen. So ist die Art, wie wir miteinander in der Schule kommunizieren auch immer ein Symptom für den Respekt oder die Gleichgültigkeit gegenüber dem anderen, der Lehrkraft – und das, wofür diese steht: die Institution Schule.

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